Zum Inhalt springen
Martin Vinje, Field Productions ©

Ruhe im Chaos

Ein Leben auf dem Wasser: Wildwasserkajakerin Mariann Sæther über Freiheit, Träume und warum die Befahrung des Aldeyjarfoss nicht das Wichtigste in ihrem Leben ist.

von Paula Flach

Martin Vinje, Field Productions ©

Mariann Sæther wurde 1980 in Lillehammer, Norwegen geboren. Sie wurde 2015 und 2019 Weltmeisterin im Extremkajak und ist Mutter von Benjamin und Saga. Mit dem Kajak hat sie inzwischen mehr als 50 Länder bereist. In die Wildnis Patagoniens verliebte sie sich allerdings so sehr, dass sie am Rio Futaleufú ein Stück Land kaufte und dort eine Hütte errichtete.

Mariann, du gehörst zu den renommiertesten Wildwasserkajakerinnen der Welt. Erinnerst du dich noch an das erste Mal, als du in einem Kajak gesessen hast?

Mit dem Kajaken habe ich angefangen, als ich 15 Jahre alt war. Damals war ich gerade mit einem Kajakfahrer zusammengekommen, der unseren örtlichen Verein mitbetreute. Dort fanden im Winter Hallentrainings in einem kleinen Schwimmbad in Sjöa statt. Unser allererstes Date war in genau diesem Schwimmbad, wo er versuchte, mir die Kenterrolle beizubringen. Ich bin kläglich gescheitert, aber ich habe mich in ihn verliebt – und genauso schnell auch ins Kajakfahren. Was mich besonders fasziniert hat, war, dass ich nicht sofort gut darin war. Diese Herausforderung fand ich unglaublich spannend, und so begann meine Reise in den Kajaksport.

Du betreibst eine Hochrisikosportart. Wildwasser ist unberechenbar, anspruchsvoll und schwer zu kontrollieren – was fasziniert dich an diesem Sport?

Wildwasserkajakfahren ist ein Extremsport, aber was mich immer daran gereizt hat, ist die Suche nach der Ruhe im Chaos. Jede Stromschnelle ist anders, und mein Ziel war es immer, meine eigene Linie hindurchzufinden. Weil die Umgebung so dynamisch und anspruchsvoll ist, fällt es unglaublich leicht, vollkommen im Moment zu sein. Es bleibt kein Raum, über die Vergangenheit oder die Zukunft nachzudenken – man ist einfach im Flow. Über die Jahre habe ich oft scherzhaft gesagt, dass Kajaken meine Form der Meditation ist, aber genau so fühlt es sich tatsächlich an.

Martin Vinje, Fieldproductions ©

Mittendrin: Kajaker:innen wie Mariann leben nicht nur "on the edge", sie paddeln bei Wasserfällen auch gern über die Kante hinaus.

Der Fluss wird immer ein Teil meines Lebens sein, aber er definiert nicht mehr, wer ich bin.

Im Film erzählst du, dass deine Eltern dich ermutigt haben, deinen Träumen zu folgen – auch weil deine Mutter diese Freiheit nicht hatte. Was bedeutet Freiheit für dich, so wie du dein Leben lebst?

Für mich hat Freiheit immer bedeutet, ein Leben zu führen, in dem ich meinen Träumen folgen kann – egal, welche das gerade sind. Ich habe nie geglaubt, dass es Sicherheit bedeutet, innerhalb dessen zu bleiben, was die Gesellschaft als den „normalen“ Lebensweg ansieht. Für mich fühlt sich das eher einschränkend an. Ich wollte immer außerhalb dieser Grenzen leben und erkunden, was das Leben zu bieten hat. Eines der größten Geschenke meiner Eltern war, dass sie meiner Neugier und meinen Ambitionen nie im Weg standen. Ob Schule, Sport, Reisen oder ein anderer Lebensweg – sie haben mich immer ermutigt, meinen eigenen Weg zu finden.

Du hast mehrere Weltmeisterschaften gewonnen und warst viele Jahre auf Weltklasseniveau unterwegs – welche Träume und Ziele bleiben nach so vielen Jahren auf den Flüssen dieser Welt?

Ich hatte das Glück, im Laufe der Jahre ein paar Weltmeistertitel und viele andere Wettkämpfe zu gewinnen. Natürlich habe ich auch viele verloren – und das gehört genauso zu dieser Reise dazu. Rückblickend bedeutet mir mein zweiter Weltmeistertitel wahrscheinlich am meisten, weil ich ihn nach der Geburt meines ersten Kindes gewonnen habe. Es war mir wichtig, mir selbst zu beweisen, dass Mutter zu werden nicht bedeutet, keine Athletin mehr zu sein oder keine großen Ziele mehr verfolgen zu können. Es gibt immer noch einige Flüsse, die ich gern paddeln würde – zum Beispiel den Stikine in Nordamerika – und ich würde gern wieder mehr Zeit am Sambesi verbringen. Aber ich habe es nicht mehr eilig. Am meisten begeistert mich heute, den Fluss gemeinsam mit meiner Familie zu erleben. Ich wünsche mir, dass meine Kinder mit Flüssen als ganz natürlichem Teil ihres Lebens aufwachsen. Das Kajaken hat mir mehr gegeben, als ich mir jemals hätte vorstellen können. Es hat mir ermöglicht, meinen Träumen zu folgen, die Welt zu bereisen, mich selbst herauszufordern und zu der Person zu werden, die ich heute bin. Der Fluss wird immer ein Teil meines Lebens sein, aber er definiert nicht mehr, wer ich bin. Stattdessen ist er zu einem Ort geworden, an den ich einfach immer wieder gerne zurückkehre.

Es war mir wichtig, mir zu beweisen, dass Mutter zu werden nicht bedeutet, keine Athletin mehr zu sein.

Was sollen die Menschen mit nach Hause nehmen, nachdem sie I Follow Rivers gesehen haben?

Mehr als alles andere hoffe ich, dass die Menschen den Film sehen und sich inspiriert fühlen. Gleichzeitig wünsche ich mir, dass sie verstehen, dass ein unkonventionelles Leben und die Verbindung von Spitzensport und Familienleben nicht ohne Reibungen möglich sind. Es gibt Opfer, schwierige Entscheidungen und Phasen, in denen sich alles wie ein Balanceakt anfühlt. Wenn ich mir eine Sache anders gewünscht hätte, dann, dass sich der Film weniger auf den Aldeyjarfoss konzentriert hätte. Diesen Wasserfall zu befahren war zweifellos ein bedeutendes Ziel, aber er ist nur ein Kapitel meines Lebens. Auch als Frau mit Familie kann man sich ganz bewusst für seinen eigenen Weg entscheiden und ein Leben gestalten, das den eigenen Träumen entspricht. Für mich ist das eine viel größere Geschichte als die Frage, ob ich einen gut 20 Meter hohen Wasserfall gepaddelt bin oder nicht.

Der rote Faden des diesjährigen EOFT-Programms lautet „Hold on to your dream“. Was hat dich das Leben über Träume gelehrt?

Das Befahren des Aldeyjarfoss war ein Traum von mir, seit ich das erste Mal am Rand dieses Wasserfalls stand. Aber es war nie ein Traum, von dem ich das Gefühl hatte, ihn unbedingt erfüllen zu müssen. Eines habe ich immer geglaubt: Das Alter ist keine Einschränkung. Eine Familie ist keine Einschränkung. Mutter zu werden ist keine Einschränkung. Ich bin immer noch ich, und meine Träume gehören immer noch mir. Gleichzeitig habe ich auch gelernt, dass es in Ordnung ist, manche Träume loszulassen. Früher träumte ich davon, olympische Slalom-Kajakerin zu werden, aber diesen Traum habe ich irgendwann beiseitegelegt, um Platz für neue Träume zu schaffen. Genau das ist in den letzten Jahren mit dem Gleitschirmfliegen passiert. Am meisten liebe ich das Biwakfliegen: Man packt Gleit-schirm, Zelt und Schlafsack zusammen, fliegt von Berg zu Berg und schläft dort, wo man am Ende des Tages landet. Mein Mann und ich haben im vergangenen Frühjahr unsere erste gemeinsame Biwakflug-Tour in den Alpen gemacht, und sie war unglaublich. Dieses Gefühl von Freiheit – nie genau zu wissen, wo man am Ende des Tages landen wird – ist genau das, was ich liebe. Am glücklichsten macht mich, dass wir diese Abenteuer immer noch miteinander teilen. Wir haben uns ein Leben aufgebaut, in dem wir Seite an Seite immer wieder neue Leidenschaften entdecken, und das fühlt sich unglaublich besonders an.

Vielen Dank für das Interview, Mariann!

Martin Vinje / Field Productions ©

Aldeyjarfoss

Beim Aldeyjarfoss-Wasserfall im isländischen Hochland stürzt der Fluss Skjálfandafljót zwischen zwei beeindruckenden schwarzen Basaltfelsen etwa 23 Meter in die Tiefe und übt aufgrund seiner Schönheit einen unwiderstehlichen Reiz auf Extremkajaker:innen aus. Es ist auf jeden Fall einfacher seinen Namen richtig auszusprechen als den Wasserfall zu befahren!

Im Jahr 2001 stand eine 21-jährige Mariann das erste Mal hier am Aldeyjarfoss. Seitdem hat sie davon geträumt zurückzukehren.